Leistungsdiagnostik in freier Wildbahn – oder auch: Sterben mit Ansage

Gastbeitrag von Laufzeile

Nervös schaue ich auf meine Uhr und warte darauf, dass das blinkende GPS Symbol endlich grün wird. Die Asche staubt unter meinen Schuhsohlen, während ich von einem Fuß auf den anderen trete. Rast- und ruhelos. Ich atme tief ein. Vor meinem inneren Auge zeichnen sich deutlich die Streckenlängen ab, auf denen ich heute alles geben soll. Sprinten – ein Begriff, wie aus einer fernen Galaxie. Mein Mund ist trocken, das GPS endlich da. Ich drücke auf Start. Und das Spiel beginnt.

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Leistungsdiagnostik – Ein Wort, das mit Sicherheit jeder, der regelmäßig läuft, Rad fährt oder nach einem festen Trainingsplan vorgeht, schon einmal in den Mund genommen hat. Auch ich habe das Wort 1000 Mal durchgekaut, von einer Backentasche in die nächste geschoben und mir immer wieder während meiner kurzen Laufkarriere auf der Zunge zergehen lassen.

Diagnostik, war das nicht die ärztliche Kunst die Zahlungsfähigkeit der Patienten einzuschätzen?

Was ist eine Leistungsdiagnostik?

Unter einer Leistungsdiagnostik versteht man ein Mess- und Untersuchungsinstrument zur Feststellung des aktuellen Gesundheitszustandes, der Belastbarkeit und dem aktuellen Leistungsstand des Sportlers. Oder in wissenschaftlich ausgedrückt: Sie gibt Aufschluss über die körperliche Leistungsfähigkeit und die metabolischen Beanspruchung auf bestimmten Belastungsstufen sowie deren Interpretation mit den evidenzbasierten Methoden der Sportphysiologie (vgl. Röcker 2018). Kurzum: Sie sagt aus, wie fit du aktuell bist.

Und da es sich dabei nicht einfach um einen Selbsttest handelt, sondern um ein wissenschaftliches Verfahren, gehören zu einer Leistungsdiagnostik immer zwei Bereiche. Der erste Bereich ist die Trainingsanamnese, also eine Befragung über die bisherigen Leistungen, Ziele und Problematiken, die sich im Training ergeben haben. Der zweite Bereich, den man damit meist häufiger verbindet, ist der eigentliche Test. Also das diagnostische Verfahren, das vor allem auf laborchemischen und funktionsdiagnostischen Methoden beruht (Haber 2001, S. 211ff).

Meine Erfahrungen bei der Leistungsdiagnostik im Selbsttest

Die Sonne scheint in mein Gesicht, während ich immer wieder dieselbe Runde um den Sportplatz laufe. Eine ebene Fläche mit hartem Untergrund und möglichst gleichbleibenden Bedingungen war gefragt. Was könnte sich da besser eignen, als die Aschenbahn vor der eigenen Haustür? Nur noch wenige Sekunden darf ich vor mich hin trotten, bis das unerbittliche Piepsen meiner Uhr mich dazu auffordern wird, das erste Mal 8 Sek lang zu sprinten. Ich spüre förmlich das Ticken meiner Uhr im Körper vibrieren. 3-2-1, Los. Wie von der Tarantel gestochen, spurte ich die lange Gerade entlang. Habe das Gefühl zu fliegen. Schon nach wenigen Sekunden darf ich zurück in meinen Trott fallen und schaue entgeistert auf die Uhr. Erst 5 min geschafft. Fehlen noch 150 min.

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Meist verbindet man mit einer Leistungsdiagnostik nur das Bild eines Sportlers, der mit tausenden Kabeln und Elektroden beklebt,  einer Atemmaske und hochrotem Kopf auf dem Laufband hetzt, während ein wissenschaftlicher Begleiter nur darauf wartet, ihm in der kurzen Pause mit einem spitzen Stäbchen in die Ohrläppchen zu piksen, um Blut abzunehmen. Und so sehr wir Sportler auch manchmal masochistische veranlagt sind, erweckt das nicht unbedingt in jedem von uns den Wunsch, selber auf ein solches Laufband zu steigen. Dabei kann man eine Leistungsdiagnostik mit einer Vielzahl von Ausdauergeräten machen, wie etwa auf dem Fahrrad-Ergometer, auf einem Ruder-, Kanu – oder Handbike-Ergometer oder wie in meinem Beispiel: draußen in freier Wildbahn.

So war es jedoch für mich auch nicht verwunderlich, dass in einer von mir durchgeführten Umfrage von 273 Hobbysportlern 58% angaben, noch nie eine Leistungsdiagnostik gemacht zu haben, obwohl 95 % sie für sinnvoll halten, um ein konkretes Trainingsziel zu verfolgen. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Der Preis ist, was du zahlst – der Wert ist, was du bekommst.

Wie so oft im Leben ist für viele das liebe Geld das entscheidende K.-o.-Kriterium. Die meisten Leistungsdiagnostiken kosten zwischen 120 € und 250 €, je nach Anbieter und gemessenen Werten. Nur wenige wissen jedoch, dass viele Krankenkassen die Kosten für eine sportmedizinische Untersuchung alle zwei Jahre komplett übernehmen oder sich mit bis zu 80 % beteiligen. Nachfragen lohnt sich manchmal.

Wie bestellt und nicht abgeholt, stehe ich zwei Minuten mitten auf der Laufbahn in der Sonne und warte die Zeit ab. Ruhebereiche ermitteln – Puls herunterfahren. Gleich steht der erste 20 Sek Sprint direkt aus dem Stand an und ich soll mich bis dahin so wenig wie möglich bewegen. Während die Vögel zwitschern und mir das Blut langsam in die Füße läuft, erscheint es mir unwirklich, überhaupt wieder laufen zu können. Kann man den Test nicht einfach hier schon beendet? Während die Sekunden herunterlaufen und ich schwer beschäftigt tue, um keine Aufmerksamkeit zu erregen,  überlege ich, wie weit ich in der Zeit wohl kommen werde. Ob ich es bis zur nächsten Kurve schaffe?

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Ich will Spaß, ich geb’ Gas

Ein weiterer Grund dafür, dass viele Sportler der Laufdiagnostik entsagen, ist der Aspekt, dass sie nur aus Jux und Dollerei Sport machen möchten und dazu ihrer Meinung nach keine genauen Kenngrößen brauchen. Doch auch für den Otto-Normalsportler kann eine Leistungsdiagnostik hilfreich sein.

Die Vorteile einer Leistungsdiagnostik

Neben der Erstellung von Trainingsempfehlungen, Trainingssteuerung im Ausdauersport und Leistungsprognosen im Wettkampfsport, werden sie nämlich auch dazu genutzt, um bei Erkrankungen im Herz-Kreislaufsystem richtig zu agieren oder die richtigen Maßnahmen im Präventionssport zu wählen (vgl. Röcker 2018).

Statt also immer mit Volldampf vorauszulaufen und sich selber in den Keller zu trainieren, bietet eine Leistungsdiagnostik auch die Chance, sich selber einschätzen zu lernen und so seinen eigenen Körper vor Überlastung zu schützen.

Apropos überlasten.

Mein Gesicht ähnelt mittlerweile dem einer Sockenpuppe, deren Augen schief angenäht wurden. Ich schwitze und kühme. Überlege, wo ich meine Bewerbung für die Auszeichnung als roteste Tomate des Universums einreichen kann, während meine Uhr fröhlich vor sich her tickt. 6 min Vollgas sagt das Programm und ich sage mir, dass eben jenes doch einen Vogel haben muss. Kurve um Kurve drehe ich meine Runden, bis mich die Uhr endlich erlöst. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Laufbahn schon immer eine leichte Wellenform hatte, allerdings würde das hervorragend zu meinem betrunkenen Seemann Laufstil passen, den ich gerade an den Tag lege.

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Neben der maximalen Herzfrequenz und der Leistung wird in vielen Leistungsdiagnostiken auch die Laktat-Konzentration gemessen. Diese Laktatwerte sind neben der Herzfrequenz oft die wichtigste Messgröße für die Trainingsgestaltung, denn diese dienen dazu, die Bereiche zu ermitteln, in denen man die bestmögliche Belastungsintensität findet, ohne den Muskel zu übersäuern. Bei vielen Leistungsdiagnostiken wird die Laktatmessung im Blut optional angeboten, allerdings ist es ratsam, das gemeine Piksen im Ohrläppchen über sich ergehen zu lassen. Oder wie in meinem Fall, die Werte anhand meiner Daten prozentual errechnen zu lassen.

Der letzte lange Intervall beginnt. Immer wieder bete ich mir vor, dass es nur zu meinem Besten ist. Höre meine eigenen Anfeuerungsrufe wie ein Mantra in den Ohren. Und obwohl mir der Schweiß in den Augen rinnt, zieht sich doch ein Lächeln um mein Gesicht. Denn egal wie gut oder schlecht ich bin, ich bin auf dem richtigen Weg.

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Sara
Sara

Manchmal stecken Spiel, Spaß und Spannung nicht nur in jedem 7. Ei, sondern sind Teil unserer kleinen Alltagswelt. Mit viel Liebe schreibt die 30-Jährige und sportverrückte Grundschullehrerin Sara Schütze auf ihrem Blog über die Erlebnisse, die das Laufen, Lachen und Leben für sie bereithält. Von camperfreundliche Laufabenteuern über große Ultramarathonläufe.

Quellenverzeichnis

Haber, Paul (2001): Die Leistungsdiagnostik. In: Ein Leitfaden zur medizinischen Trainingsberatung, Springer Verlag, Wien.

Knechtle, Beat (2002): Aktuelle Sportphysiologie. Leistung und Ernährung im Sport, Karger Verlag,  Basel.

Röcker, K.(2018): Was ist „Leistungsdiagnostik“  In: Ergonizer, Die Software für sportmedizinische Leistungsdiagnostik.

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